Der teuerste Fehler, den Anleger machen

Ruhe und Gelassenheit am Aktienmarkt

Veröffentlicht am 19. August 2026

Eine frühere Fassung dieses Beitrags erschien am 09. Juni 2026 als Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.).

Geht es nach der Finanzwelt, sollen Anleger handeln, absichern, umschichten. Doch wer häufiger handelt, erzielt im Schnitt schlechtere Ergebnisse. Vermögen entsteht durch das, was man nicht tut.

Ronald Read war Hausmeister und Tankstellenwart. Trotzdem hat er einen Wikipedia-Eintrag – weil nach seinem Tod bekannt wurde, dass er ein Vermögen von acht Millionen Dollar hinterließ. Read hatte Aktien guter Unternehmen gekauft und etwas getan, das nur wenige Anleger schaffen: Er ließ sie in Ruhe. Seine Leistung bestand darin, den Zinseszinseffekt nicht zu stören. Diese Geduld lässt sich im Rückblick leicht bewundern. Im Moment aber ist sie schwer auszuhalten.

Die moderne Finanzwelt lebt vom Gegenteil dessen, was langfristig funktioniert. Sie macht aus jeder Unsicherheit eine Handlungsaufforderung: reagieren, absichern, umschichten, aussteigen. So entsteht der Eindruck, kluge Anleger müssten ständig etwas tun. Wer viel weiß, hat zu allem eine Meinung. Und wer zu allem eine Meinung hat, greift häufiger ein.

Die Kehrseite des Informiertseins

Dabei überschätzen Anleger ihre Fähigkeit, aus aktuellen Entwicklungen verlässliche Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. In der Krise wirkt der weitere Absturz logisch. In der Euphorie erscheint selbst die höchste Bewertung gerechtfertigt. Aus Unsicherheit wird scheinbare Gewissheit. Aus Gewissheit wird Aktivität. Besonders anfällig sind ausgerechnet gut informierte Anleger. Sie haben nicht weniger Emotionen als andere. Sie haben nur bessere Begründungen dafür.

Die Finanzökonomen Brad Barber und Terrance Odean untersuchten Zehntausende Privatanlegerdepots. Das Ergebnis ist unbequem: Je mehr Anleger handeln, desto schlechter schneiden sie im Durchschnitt ab. Im jeweiligen Moment wirkt es fahrlässig, nichts zu tun. Im Rückblick war der Eingriff häufig der Fehler.

Read wurde nicht reich, weil er Prognosen traf oder die neueste Bankmeinung kannte. Er profitierte davon, dass gute Unternehmen über Jahre Gewinne erwirtschafteten, einen Teil ausschütteten, den Rest reinvestierten und dadurch ihren inneren Wert steigerten. Der Zinseszinseffekt entsteht zuerst nicht im Depot, sondern im Unternehmen.

Die Konsequenz ist nicht, Aktien zu kaufen und die Augen zu schließen. Wer investiert, sollte wissen, was er besitzt – und warum. Aber er sollte auch wissen, wann neue Informationen tatsächlich relevant sind.

Ein schwankender Kurs ist nicht automatisch Risiko

Langfristige Anleger stellen deshalb andere Fragen. Nicht: Was macht der Markt nächste Woche? Sondern: Besitze ich Unternehmen, die in fünf oder zehn Jahren mehr verdienen als heute? Sind ihre Bilanzen robust? Kann ihr Management Kapital sinnvoll einsetzen? Ist die Bewertung attraktiv genug, damit ein angemessener Teil der Wertschöpfung beim Anleger ankommt?

Wer so investiert, braucht weniger Meinung zur Weltlage, als täglich angeboten wird. Er muss nicht jedes Ereignis in eine Portfolioentscheidung übersetzen.

Ein schwankender Kurs ist nicht automatisch Risiko. Risiko ist, wenn die Ertragskraft eines Unternehmens dauerhaft beschädigt wird. Wer diesen Unterschied versteht, verwechselt Volatilität nicht länger mit echtem Risiko. Der teuerste Fehler des Anlegers ist selten die Kursbewegung selbst. Es ist das, was er daraus macht.

Anleger beginnen oft erst nachzudenken, wenn der Markt sie emotional dazu zwingt. Das ist meist der schlechteste Zeitpunkt. Gute Anleger erledigen ihre Arbeit vorher. Sie verkaufen nicht, weil Kurse fallen. Sie verkaufen, wenn die ursprüngliche Investmentthese nicht mehr trägt.

Vermögen entsteht nicht dadurch, auf jede neue Information zu reagieren. Sondern dadurch, das Entscheidende vom scheinbar Wichtigen zu trennen und diszipliniert zu bleiben. Nicht die bessere Prognose schafft Vermögen. Sondern das bessere Verhalten.

Über den Autor

Björn Heissenberger ist CEO und Portfoliomanager der Heissenberger Vermögensverwaltung AG in Zürich. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Unternehmensanalyse, Kapitalmärkten und langfristigem Investieren.

Björn Heissenberger
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