Kurse machen Nachrichten: Warum Anleger immer wieder dieselben Fehler machen

Chart mit Aktienmarkt

In den vergangenen Jahren gab es am Aktienmarkt selten mehr als eine wirklich herausragende Anlagemöglichkeit pro Jahr. Und wenn sie da war, stiess sie meist auf wenig Interesse. Das ist kein Zufall. Gerade diese Gleichgültigkeit sorgt oft erst für die attraktiven Bewertungen.

Auch in diesem Jahr bot sich ein besonders gutes Risiko-Rendite-Verhältnis. Das Muster ist dabei stets ähnlich.

Ein kurzer Rückblick

Gegen Ende 2021 waren US-Aktien so hoch bewertet wie selten zuvor. Um diese Bewertungen zu rechtfertigen, schraubten Analysten ihre Gewinnerwartungen immer weiter nach oben. Am Ende unterstellten sie den US-Unternehmen ein Gewinnwachstum, das – wäre es tatsächlich eingetreten – sämtliche historischen Rekorde gebrochen hätte. Das war eine der seltenen Gelegenheiten, Aktien zu historisch hohen Bewertungen an Anleger zu verkaufen, die bereit waren jeden Preis zu bezahlen.

Wir warnten im September 2021 und im Dezember 2021.

Ende 2022 waren die Märkte bereits ein Jahr lang am Fallen. Euphorie und einseitige Positionierungen hatten sich mittlerweile ins Gegenteil der vorherigen Euphorie gekehrt. Selbst Banken wurden nun defensiver, warnten vor einer weiterhin schwierigen Börsenphase und reduzierten ihre Aktienquoten. Die Bewertungen waren nicht mehr anspruchsvoll, doch viele Anleger wollten verkaufen, bevor es noch schlimmer würde. Schliesslich stand, so die allgemeine Meinung, eine Rezession bevor. Doch die Anleger waren ein Jahr zu spät. Die Mehrheit hatte nahe den Höchstständen gekauft und verkaufte nun, als viele Bewertungen endlich wieder attraktiv und damit die zu erwartenden Renditen deutlich höher geworden waren.

Wir erklärten im Januar 2023, weshalb der Zeitpunkt für Käufe gekommen war.

Im April 2025 kam es infolge der Trump-Zölle zu einem heftigen Abverkauf. Die messbaren Daten zeigten, dass die Panik so gross war wie während Corona und zuvor nur während der grossen Finanzkrise 2008. Auch hier liess sich der Wendepunkt nach oben zeitnah erkennen. Denn Panik ist am Markt ein kurzfristiges Phänomen. Wenn jeder verkauft, ohne noch auf den Preis zu achten, sind viele kurzfristig orientierte Anleger bald aus dem Markt. Dann genügt es bereits, dass der Verkaufsdruck nachlässt und wenige Käufer zurückkehren, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.

Wir erläuterten am 05. April 2025, weshalb Kaufkurse näher liegen als die meisten vermuteten. Zwei Tage später war der Tiefpunkt erreicht.

Um solche Entwicklungen zu erkennen, braucht man keine Glaskugel. Wie es Benjamin Graham bereits vor Jahrzehnten sinngemäss ausdrückte: Der intelligente Investor verkauft in der Euphorie und kauft im Pessimismus.

Natürlich ist dieser Satz stark vereinfacht. Tatsächlich muss man detailliert und sorgfältig analysieren, wann Aktien zweifellos zu teuer und damit gefährlich werden und wann so viel Pessimismus herrscht, dass selbst negative Szenarien bereits in den Kursen eingepreist sind.

Ab Ende 2025 begann langsam – und dann immer schneller – ein neuer Herdentrieb.

Qualitativ hochwertige Unternehmen gerieten zunehmend in den Hintergrund, fanden kaum noch Beachtung und wurden dadurch so günstig wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Auch Softwareaktien und Datenanbieter wurden zwischenzeitlich so einheitlich abverkauft, als wäre alles ein und dasselbe. Auch diese wurden für uns erstmals überhaupt kaufbar, weil die Bewertungen bei realistischen Annahmen endlich attraktive Renditen zuliessen – selbst wenn sich die Geschäfte tatsächlich schwächer entwickelt hätten.

Das Mantra lautete jedoch: «Sell now, ask later».

Eine Kapitulation mit so schwacher Begründung kommt eher selten vor. Also taten wir etwas, das in dieser Phase kaum jemand tat und womit wir uns erneut ziemlich allein fühlten: Wir schauten hin. Dann begannen wir zu kaufen.

Weshalb wir am 30. Januar 2026 zum Kauf rieten, können Sie hier nachlesen.

Gute Anlagechancen findet man selten dort, wo Kaufentscheidungen auf grosse Zustimmung und Applaus treffen. Sondern dort, wo sie auf grosse Skepsis treffen oder nur ein müdes Gähnen hervorrufen, obwohl die Zahlen eine deutliche Sprache sprechen. Die Realität wird in diesen Phasen häufig unterschätzt, während die eigene Prognosefähigkeit überschätzt wird.

Wenn herausragende Geschäftsmodelle, defensive Bilanzen und hohe Cashflows auf grosses Desinteresse treffen, können die Bewertungen so tief fallen, dass selbst bei einer schwächeren Geschäftsentwicklung noch attraktive Renditen möglich sind.

Innerhalb weniger Monate hatten sich die meisten unserer Käufe, ob hochwertige Qualitätsunternehmen oder Softwareaktien, bereits wieder stark erholt. Wie schnell sich eine Unterbewertung schliesst, lässt sich nicht vorhersagen. Natürlich kauft man solche Aktien aus langfristigen Gründen. Man will sich an den starken Gewinnen der Unternehmen beteiligen, die sich über die Jahre auch in den Aktienkursen niederschlagen. Doch oft merkt der Markt schnell, dass diese Gewinne im Verhältnis zu den Kaufkursen einfach zu attraktiv sind, um sie lange links liegen zu lassen.

Auch hier zeigte sich die Gleichgerichtetheit des Marktes, die wir seit 2021 immer wieder beobachten: Zuerst bewegen sich die Kurse, dann entstehen Narrative, die diese Bewegungen erklären und weiter verstärken. Schliesslich kommt es zu Übertreibungen.

Kurse machen Nachrichten.

Steht SAP bei 130 EUR je Aktie, lautet die Erklärung, das Unternehmen sei durch KI gefährdet. Nach einer kräftigen Kurserholung heisst es plötzlich, SAP profitiere von KI und genau das erkläre den Kursanstieg. Nicht das Geschäftsmodell hat sich innerhalb weniger Monate grundlegend verändert, sondern vor allem die Stimmung, die der Kursentwicklung folgt.

Während immer mehr Kapital passiv investiert wird oder regelgebunden auf Kursbewegungen selbst reagiert, nimmt der Einfluss jener Anleger ab, die Unternehmen tatsächlich bewerten. Das dürfte Übertreibungen verstärken und ausgerechnet für fundamental orientierte Investoren zusätzliche Chancen schaffen, solange diese wirklich unabhängig denken und handeln.

Software wird nach fallenden Kursen für tot erklärt, Anleihen sind bei höheren Zinsen plötzlich keine gute Anlage mehr und das KI-Thema nimmt den Rest des Marktes ein, während gerade KI hervorragende Anlagechancen geschaffen hat. Bloss nicht an der Stelle, an der alle danach suchen.

Wir versuchen nicht, die nächste grosse Geschichte an der Börse vorherzusagen. Wir suchen Unternehmen, deren Geschäftsmodelle, Bilanzen und Cashflows man verstehen kann und deren Aktienkurse eine attraktive Rendite erwarten lassen. Wenn sich solche Gelegenheiten bieten, investieren wir langfristig. Wenn die Bewertungen keine vernünftige Rendite mehr zulassen, lassen wir die Finger davon.

High-Quality-Aktien, Softwaretitel und Datenanbieter haben sich in den vergangenen Monaten bereits deutlich erholt. Dennoch sind ihre Bewertungen aus unserer Sicht weiterhin attraktiv genug, um daran festzuhalten.

Entscheidend ist dabei nicht, wie stark die Aktien seit unseren Käufen gestiegen sind, sondern welche Renditen ihre heutigen Bewertungen bei realistischen Annahmen über die künftige Geschäftsentwicklung noch erwarten lassen. Solange das Verhältnis zwischen möglichen Renditen und Risiken attraktiv bleibt, besteht kein Grund, allein aufgrund gestiegener Kurse zu verkaufen.

Irgendwann wird sich auch hier wieder ein neues Narrativ durchsetzen. Vielleicht lautet es dann: Software sei der wahre Gewinner der KI-Revolution und hochwertige Unternehmen wären ohnehin immer eine gute Idee.

Dann werden Anleger wieder vermehrt auf diese Themen aufspringen und die Bewertungen möglicherweise erneut übertreiben, sodass sich die Kurse zunehmend von der wirtschaftlichen Realität entfernen. Und wenn wir dann beginnen zu verkaufen, wird man uns erneut belächeln.

Björn Heissenberger
CEO und Portfolio Manager Heissenberger Vermögensverwaltung AG
heissenberger@h-vv.ch

Björn Heissenberger
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